Mehr Schein als Sein

2. September 2021
Gedanken des Tages von Pastor Frank D. Niemeier

An einem schönen Sommerabend fuhr ich mit dem Rad über Grürmannsheide und traute meinen Augen nicht: da stand ein Zebra mitten in der ländlich-grünen Idylle – unweit des Campingplatzes. Wahnsinn! Gott sei Dank habe ich meistens den Fotoapparat dabei und konnte den Moment im „Safaripark Grürmannsheide“ festhalten. Doch – oh weh – ein gewöhnliches Pferd hatte sich da kostümiert und als Zebra verkleidet. Das Kirchenrecht nennt solches Vergehen eine „arglistige Täuschung“ – mehr Schein als Sein! Dennoch hat mich diese Szene amüsiert und im Nachhinein noch die Fotos, die ich davon machen konnte. Mehr Schein als Sein. Dieses Factum, das wir oft erst im Nachhinein erkennen, gibt es in Kirche und Welt und oft genug wohl auch im eigenen Leben. Wie oft schauen wir auch als Seelsorgeteam hinter Fassaden und bauen immer auch eigene auf.

Mit diesem Phänomen hat sich der Jesuitenpater Alfred Delp (1907 – 1945) sein ganzes – kurzes – Leben lang „herumgeschlagen“, wenn er kritisch in Politik, Gesellschaft und selbstkritisch in das Leben der Kirche schaute. Sehr oft spricht er in seinen Schriften von der Scheinwelt, die der Mensch um sich herum aufzubauen versucht und setzt dagegen den Begriff der Echtheit von der das Christentum beseelt sein muss. Alfred Delp gehört dem „Kreisauer Kreis“ an, einer Gruppe von Gegnern des Naziregimes, die mitten im Krieg die künftige Gesellschaftsordnung für Deutschland vorbereiteten. Er wurde bald zum Inspirator und zur führenden Persönlichkeit dieser Gruppe. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Delp wie die anderen Mitglieder des Kreises verhaftet. Am 2. Februar 1945 wurde er in Berlin – Plötzensee hingerichtet. Alfred Delp gehört zu den großen Blutzeugen des 20. Jahrhunderts und zu einer der beeindruckendsten Gestalten des Widerstands gegen die Nazi–Diktatur. Er schreibt schon 1938: „Jedem Geist wohnt der Drang und die Versuchung inne, sich selbst absolut zu setzen, sich zum Mittelpunkt des Lebens zu machen. Dieser Versuchung ist der Mensch schon am Anfang seiner Geschichte erlegen. Es ist vielleicht die traurigste Tatsache des christlichen Lebens, dass Menschen, ehrliche und aufrichtige Menschen, die wirklich suchen und finden wollen, dass die den Weg zu Christus nicht finden, den Zugang zur Kirche nicht finden, weil sich davor allerhand Christenvolk herumtreibt, das fragwürdig ist und dass das Haus Gottes, die Kirche, die sie vertreten, einigermaßen in Verruf bringt. Es gibt auch das und es gibt es gar nicht selten, dass sich Menschen an uns ärgern, weil WIR versagen, weil wir das Werk und das Wort Gottes in Misskredit bringen“. Und Delp fragt: „Was nützt es, wenn wir Christen genauso sind wie alle anderen und der einzige Unterschied der ist, dass wir ab und zu uns erinnern, dass es anders sein sollte? Was nützt uns alle Verkündigung und aller Protest und alle Beschwerden, wenn unser Leben nicht ein einziger Beweis ist für die Echtheit unserer Worte und Ansprüche? Wie kann ein Mensch Gott lieben wollen, den er ja nicht sieht, wenn er den Mitmenschen, den er sieht, nicht liebt? Nur wenn uns das gelingt in der Welt, dann sind und bleiben wir, was ER war, ein Zeichen des Widerspruchs“. Ist die Kirche bei allem Schein und mangelndem Sein noch zu retten? – fragen heute viele Zeitgenossen.

Alfred Delp ist da eindeutig und weit vorausschauend, wenn er sagt: „Von zwei Sachverhalten wird es abhängen, ob die Kirche noch einmal einen Weg zu den Menschen finden wird. Wenn die Kirchen der Menschheit noch einmal das Bild einer zankenden Kirche zumuten, sind sie abgeschrieben. Es braucht mehr Einigkeit und eine Rückkehr in die Diakonie, damit mein ich das Sich-Gesellen zum Menschen in allen seinen Situationen mit der Absicht, sie ihm meistern zu helfen. Damit meine ich das Nachgehen und Nachwandern auch in die äußersten Verlorenheiten und Verstiegenheiten des Menschen, um bei ihm zu sein genau und gerade dann, wenn ihn Verlorenheit und Verstiegenheit umgeben. Geht hinaus hat der Meister gesagt, und nicht: „Setzt euch hin und wartet, ob einer kommt“. In diesen Sätzen finden wir dann auch den Jesuiten-Papst Franziskus wieder. Wir sind und bleiben Menschen mit ganz persönlichen Grenzen. Im Sonntagsevangelium weist Jesus die Pharisäer und ihre Scheinwelt zurück und zieht den Schluss: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir!“ Wir können nur immer wieder neu aufbrechen, um in unserem eigenen Leben den Schein zu vernachlässigen und am Sein zu arbeiten!