Liebe, Glaube und Homosexualität

9. März 2022
Hemer
Die Sexualmoral der katholischen Kirche war Thema bei der Online-Diskussionsrunde, ebenso wie die veraltete Rolle der Frau in der Kirche

„Katholisch und Queer – Wir müssen reden!“ – so lautete die Aufforderung vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend Kreisverband Märkischer Kreis gemeinsam mit dem Dekanat Märkisches Sauerland bei einer Online-Diskussion mit Lesung. Es waren dabei alle einladen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dass es viel Redebedarf gibt, zeigte sich an der Tatsache, dass die digitale Veranstaltung wesentlich länger als geplant dauerte.

Gaby Iserloh, Dekanatsreferentin für Jugend und Familie, fungierte bei der Online-Diskussion als Moderatorin und freute sich, mit Mirjam Gräve und Lars Hofnagel zwei fachkundige Diskussionspartner begrüßen zu können. Letzterer ist Studentenpfarrer in Bielefeld und Mitglied im Arbeitskreis Queersensible Pastorale im Erzbistum Paderborn.

Thema „queer“ beschäftigt die katholische Kirche

Die 45-jährige Mirjam Gräve stammt gebürtig aus Hemer und war dort einst sehr engagiert in der KJG St. Peter und Paul sowie auch im BDKJ Kreisverband MK. Heute ist sie Sprecherin des Netzwerks katholischer Lesben. Für das Lehramtsstudium mit den Fächern Geschichte, Pädagogik und katholische Theologie ging sie damals nach Münster. Das Referendariat absolvierte sie danach im Rheinland, wo sie heute noch, 20 Jahre später, lebt. 2011 lernte sie das Netzwerk katholischer Lesben kennen.

Gräve ist mittlerweile didaktische Leiterin an der Europaschule Troisdorf, einer städtischen Gesamtschule. Zusammen mit ihrer Partnerin Sabine Hengmith, pädagogische Leitung bei der Caritas Köln, war Gräve auch in der Fernseh-Dokumentation „Wie Gott uns schuf – Coming out in der katholischen Kirche“ zu sehen.

Zu ihrer Homosexualität bekannte sich die Religionslehrerin öffentlich auch bereits in dem Buch „Katholisch und Queer“. Gemeinsam mit Mara Klein und Hendrik Johannemann, mit denen sie das Buch schrieb, gehört Gräve zu den queeren Mitgliedern im Forum „Sexualmoral“ des Synodalen Wegs. Die drei sammelten Lebenszeugnisse queerer Menschen für das Forum. 24 von diesen Lebensgeschichten wurden letztendlich auch in dem Buch veröffentlicht.

Zudem finden sich in dem Buch Berichte, Beobachtungen und Einschätzungen aus dem Umfeld queerer Menschen sowie Berichte über innere Veränderung und Konsequenzen seitens katholischer Verantwortungsträger. Mirjam Gräve weiß zu berichten, dass das Thema „queer“ in der katholischen Kirche gerade die Bevölkerung sehr beschäftigt und viel Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Online-Diskussion in Kleingruppen und Lesung

Nach Buchveröffentlichung und Auftritt in der Fernseh-Dokumentation hat auch sie vermehrt Anfragen zu Seminaren, Lesungen und ähnlichem erhalten. „Es ist wichtig sich damit auseinanderzusetzen“, so Gräve auch jetzt bei der Online-Diskussion, an der 32 Teilnehmer aus dem hiesigen Raum teilnahmen.

Bevor rege zunächst in virtuellen Kleingruppen und dann im ganzen Plenum diskutiert wurde, beschäftigten sich die Teilnehmer damit, was sie mit den Begriffen „katholisch“ und „queer“ verbinden. Die gesammelten Ideen wurden anschließend visuell präsentiert. Dabei zeigte sich, dass in dem Zusammenhang „Diskussion“, „Liebe“ und „Glaube“ am häufigsten genannt wurden.

Im Rahmen der Lesung las Lars Hofnagel den männlichen Part, einen anonymisierten Priester, der von sich selbst behauptet, dass er vor dem Abgrund stand. Vom äußeren Zwang und der inneren Zerrissenheit berichtete das Lebenszeugnis von der 1990 geborenen Ruth, deren Geschichte Mirjam Gräve vorlas. Nach den bewegenden und emotionalen Geschichten wurde es zunächst still, eher dann diskutiert wurde.

Gläubige machen sich für Kirche ohne Angst stark

Die Teilnehmer tauschten sich über die Sexualmoral der katholischen Kirche aus. Dabei wurde auch immer wieder die veraltete Rolle der Frau in der Kirche angesprochen. Dass es zur Initiative „#out in church“ gekommen ist und dass die Gläubigen sich für eine Kirche ohne Angst stark machen, fanden alle Teilnehmer sehr wichtig.

„Wir erkennen einen Wandel und halten ihn für notwendig“, brachte es Gaby Iserloh auf den Punkt. Sie unterstrich auch, dass es wichtig sei, in den Dialog miteinander zu kommen. Eine Fortsetzung der interessanten Veranstaltung ist geplant, da es laut Iserloh noch viel Potenzial für Fragen gibt.

Artikel von Annabell Jatzke