Eine Kirche, in der man gerne bleibt

19. Mai 2022
Hemer
Erik Flügge spricht beim ökumenischen Pfarrkonvent über Probleme der Kirche ─ und darüber, wie es besser geht.

Kirchenaustritte ─ Um dieses brisante und unangenehme Thema sollte sich der Ökumenische Pfarrkonvent am Mittwoch, 11. Mai, in Haus Hemer mit Referent Erik Flügge drehen. „Es betrifft uns alle“, wandte sich Superintendentin Martina Espelöer an die katholischen und evangelischen Kolleginnen und Kollegen und betonte, wie wichtig gerade deshalb der ökumenische Austausch sei. „Die Fragen sind dieselben“, so die Superintendentin.

In Ihrer Andacht sprach Martina Espelöer über den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Am Beispiel einer Ausstellung des Malers Gerhard Richter ging sie auf die Frage ein, wie Kunst mit dieser Form von Gewalt umgehen könne. „Man möchte sehen und kann nicht sehen“, man habe das Bedürfnis zu begreifen und könne es doch nicht, so die Superintendentin. Vor dem Hintergrund der Geschehnisse ringe man als Christ um den Frieden und auch um das Evangelium. „Ich werde nicht preisgeben, von diesem Frieden zu sprechen“, sagte Martina Espelöer und übergab anschließend das Wort an den Gast Erik Flügge.

„Das war schon ganz schön stark Kirche“, griff dieser die Andacht auf und kam damit ohne Umschweife auf das Thema des Tages. Solche Andachten – und viele weitere Angebote der Kirche – seien ein Zielgruppenmodell, keine Massenbewegung. Am Beispiel einer Playmobilpackung verdeutlichte Flügge, dass es die Emotionen seien, die bei Menschen die Grundlage für Entscheidungen bilden, nicht die sachlichen Informationen. Dann wurde er deutlich: „Kirche fühlt sich zurzeit scheiße an“. Demgegenüber stellte er die entscheidende Frage: „Wie sieht eine Kirche aus, in die man gerne kommt?“

Anschließend zeigte er anhand von Beispielen und persönlichen Geschichten einige Probleme der Kirche und ihrer Entscheidungsträger auf. So sei es bereits im Ansatz falsch, neue Gottesdienstangebote für kirchenferne Zielgruppen planen zu wollen, denn diese wollten eben gar kein solches Angebot. Ein Fehler im System Kirche sei es außerdem, dass zu viele Gremien mitreden und entscheiden wollen. Für andere Formate brauche es auch andere Menschen.

Um auf das Ausgangsthema der Austritte zurückzukommen, formulierte Flügge drei Thesen dazu, wie die Kirche eine werden könne, in der man gerne Mitglied bleibt. Erstens funktioniere eine Gemeinde nur als offene Gemeinschaft. „Nur eine Kirche mit offenem Zweck bleibt offen“, so Flügge. Zweitens solle die Gemeinde eher der Startpunkt sein als das Ziel, die Kirche müsse aufsuchen, statt einzuladen. Drittens solle der Fokus stärker auf Gefolgschaft statt Gemeinschaft gelegt werden. Dazu brauche es auch religiöse Führungspersönlichkeiten. Die synodale Struktur der Kirche bezeichnete Flügge als toxisch.

Für seinen Vortrag erntete Flügge viel Beifall und Zustimmung. Die Fragen in der anschließenden Diskussion drehten sich vor allem darum, wie die Kommunikation des Evangeliums in dieses Konzept passt. Pfarrerin Katharina Thimm griff einen Hinweis Flügges auf die sozialen Medien auf und appellierte: „Wir sollten wissen, welche kirchlichen Influencer es gibt.“ Pfarrer Markus Schäper fragte, ob Flügge noch andere Möglichkeiten sieht, kulturell anders sozialisierten Menschen eine neue Heimat in der Kirche zu geben. „Zeigt, dass ihr viele und da seid“, entgegnete dieser. Außerdem betonte er die Bedeutung der diakonischen Werke als wichtigstes Aushängeschild der Kirche, sowie dass Erstkontakte besonders wertvoll seien.

Alte Denkmuster loszulassen und die Perspektive zu wechseln, das sei „wie vom 5-Meter-Brett zu springen“, sagte Superintendentin Martina Espelöer und bedankte sich beim Referenten für „alles Erschrecken und Spiegel vorhalten“. „Das war es wert“, sagte Dechant Andreas Schulte zu Erik Flügge. Er sei allerdings froh, zum Abschluss noch eine Andacht halten zu können, „ohne dass Sie danach sprechen“.

Text und Bilder: Tim Haacke/Evangelischer Kirchenkreis Iserlohn