„Aufstehen gegen den Krieg in der Ukraine“

23. März 2022
Iserlohn
Friedensdemonstration am 13.März in Iserlohn – Redebeitrag Frank D. Niemeier

„Ich bin katholischer Pfarrer in Letmathe. Ich bin kein Politiker. Ich spreche hier nicht für eine Partei, sondern als Vertreter der Kirche. Ich vertrete hier das Dekanat Märkisches Sauerland mit all seinen Haupt- und Ehrenamtlichen. Ich vertrete somit Kirche in unserer Stadt, die in all ihren Gliedern sprachlos, erschüttert und gleichzeitig wütend ist über Putins Krieg, Putins Akte der Menschenverachtung im eigenen Land und in der Ukraine!

Man hat mich gebeten, hier zu sprechen, nachdem die Anfrage von denen kam, die diese Demonstration -dankenswerter Weise- organisiert haben.

In diesen Tagen blutet unser Herz, ob der menschlichen Tragödien die sich abspielen, weil wir sehen, dass das Böse überhandnimmt im Kopf und in den menschenverachtenden Entscheidungen eines Despoten, der das Geschichts-buch umschreiben möchte. Wir haben Angst um eine Ausweitung des Krieges!

Vielleicht hat man mich auch deshalb gebeten zu sprechen, weil wir im katholischen Pastoralverbund Letmathe, dem ich als Leiter vorstehe, eine Partnerschaft in die Ukraine haben, weil wir in diesen Tagen Gesichter von Freunden vor Augen haben, wenn wir Nachrichten hören und Bilder sehen, Freunde um die wir uns große Sorgen machen!

Ich habe den Bischof von Lwiv, von Lemberg, Mieczyslaw Mokrzycki schon 2017 in einige Gemeinden auf dem Land begleiten dürfen. 2018 waren wir dann vom Pastoralverbund Letmathe mit einem Bus in der Ukraine. Unsere Freunde leben dort in einer kleinen katholischen Gemeinde auf dem Land.  Der Ort heißt Starakwarjawa, liegt etwa 100 km von Lemberg entfernt auf dem Land. Es führt eine ungeteerte Straße voller Schlaglöcher durch den Ort zur Kirche. Viele Männer arbeiten im Ausland und sind nur am Wochenende bei den Familien. Wir wurden von vielen Frauen, Kindern und Alten vor der Kirche begrüßt. Die Menschen waren sehr gastfreundlich, höflich, etwas scheu. Menschen wie Du und ich, in abgetragener einfacher Kleidung, mit sicherlich ganz eigenen Sorgen und Nöten. Sprachbarrieren waren schnell überwunden.

Der Glaube und das gegenseitige Interesse am jeweils anderen Volk waren in diesen Tagen das Verbindende. Menschen wie Du und ich, die einfach nur in Ruhe leben wollen, in Gerechtigkeit und Freiheit postkommunistischer Zeit, in einem anständigen Zuhause, gehalten von ihrem christlichen Glauben. Diese Lebensperspektive freier Menschen droht durch Putins Krieg unterzugehen in vielen Orten der Ukraine. Das schreit zum Himmel! Dagegen muss man aufstehen!

Wir sind in Lemberg in einer großen orthodoxen Kirche gewesen, die voll war von Bildern gefallener Soldaten und Soldatinnen dieser Region, die ihr Leben in diesem schon seit Jahren geführten verlogenen Krieg verloren haben. Auch auf dem Rathausplatz gibt es diese mahnenden Bilder, mit denen schon vor Jahren Besucher der Stadt konfrontiert waren.

Wir sind an Orten gewesen, die nun voll sind von Geflüchteten. Menschen die auch in bischöflichen Einrichtungen medizinisch und mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Menschen die auf Fluren und bis auf die Dachböden ihr Schlaflager aufbauen, völlig übermüdet aus zerbombten Städten kommend. Viele sind auf der Durchreise weiter in den Westen, nach Polen und zu uns.

Jeder von uns, liebe Freunde, hat inzwischen Bilder vor Augen, die ihn zutiefst berührt haben! Der Vater der seine Hand an die Abteilscheibe des Zuges drückt, um sich von Frau und Kind zu verabschieden, die schwangere Frau die aus der zerbombten Klinik getragen wird, die Alten, die in Schubkarren liegen oder über schmale Stege eines reißenden Flusses flüchten und kaum das Gleichgewicht halten. Das schreit zum Himmel, dagegen muss man aufstehen!

Besonders beeindruckt hat mich in diesen Tagen aber auch ein Bild aus Russland, wo die jungen Polizeibeamten des Staatsapparates bei einer Antikriegsdemo eine alte Frau unterhakten und sie mit ihrem selbstgeschriebenen und selbstgemalten großen Protestplakat abführten. Eine alte Frau, die sicherlich viel Lebensweisheit hat und vielleicht schon Söhne auf dem Schlachtfeld verloren hat. Eine alte Frau die mutig vorangeht, vielleicht ihr ganzes „Restleben“ aufs Spiel setzt, um vor sich selbst bestehen zu könne und vielleicht auch um vor GOTT bestehen zu können. Und was ist das dagegen für ein Staatslenker, der es nötig hat alte Frauen – die friedlich demonstrieren – abzuführen? Wie kann einer vor sich und vor der Welt bestehen, der sogar im eigenen Land und Volk Demonstrationen und Informationen unterdrücken muss?

Diese Fragen beantworten sich von selbst!

Wie viele andere Menschen stehen auch wir Kirchen in diesen Tagen auf, gegen den Krieg in der Ukraine. Wir stehen auf durch unsere Friedensgebete, durch Kerzen die wir entzünden. Wir stehen auf durch Geld- und Sachspenden für Erstversorgungsstellen in der Ukraine. Wir stehen auf durch die Aufnahmebereitschaft und Versorgung von Flüchtlingen bei uns! Wir stehen auf durch Zeichen der Solidarität!

(!) Wir müssen auch im Kleinen unserer Alltagsgespräche aufstehen durch ein mutiges Wort der Wahrheit und ein christliches Zeugnis gegenüber jenen, die -in welcher Weise auch immer- diesen verlogenen Krieg Putins zu relativieren versuchen!

Ich weiß, dass es viele, viele Hilfsaktionen gibt und möchte auch seitens der Kirchen dafür danken. Es stehen Viele auf, gegen den Krieg und für die Menschlichkeit!

Es stimmt nicht, dass wir nichts tun können! Wir haben ganz konkrete Kontakte und unsere Hilfe kommt an, auf vielen Wegen.

Wir brauchen vielleicht bald auch ganz konkret Menschen die hier vor Ort Geflüchteten helfen. Auch dafür sei allen sozialen, diakonisch- caritativen Hilfsorganisationen und den Mitarbeitenden gedankt.

 

Ich bin davon überzeugt: So wie das Volk der Ukraine Putins Krieg nie vergessen wird, so wird unsere Hilfsbereitschaft nie vergessen werden! So wie die Brutalität dieser Tage nie vergessen wird, so wird die tätige Nächstenliebe gegenüber jedem Menschen, der Hilfe braucht nicht vergessen werden.

Wir leiden auch als Kirchen gleichzeitig unter unserer Ohnmacht! Wir leiden unter dem Faktum einer indirekten Mitfinanzierung dieses Krieges durch wirtschaftliche Verflochtenheit und notwendiger Verhinderung eines neuen Weltkrieges.

Wir leiden als christgläubige Menschen unter der Ohnmacht „Schwerter“ nicht einfach „zu Pflugscharen machen“ zu können, um mit dem Weizen der Ukraine, das Brot des Friedens verteilen zu können. Wir leiden unter der Ohnmacht den Menschen in Russland nicht ausreichend zeigen zu können, dass wir ihr Volk und ihr Land wertschätzen und ihre Freundschaft genauso suchen, wie die Freundschaft zum Volk der Ukraine. Wir stellen uns nicht gegen das russische Volk! Wir stellen uns gegen Putin, gegen seine Unterdrückung der Meinungsfreiheit und gegen seinen Krieg! Wir stellen uns auch gegen orthodoxe Kirchenvertreter, die diesen Krieg rechtfertigen wollen und Putins Ideologie teilen.

Ich möchte ehrlich sein: Wie so viele gläubige Menschen in aller Welt fragen auch wir Kirchenleute uns in diesen Tagen angesichts der Schreckensbilder: Warum lässt Gott das zu? Aber wir erinnern uns auch daran: Zuerst müssen wir wohl fragen: Warum lässt der Mensch das zu?

In seinem Aufsatz „Der Mensch und die Geschichte“ stellt der von den Nationalsozialisten verfolgt und am Ende getötete Jesuit Alfred Delp – mitten im 2. Weltkrieg 1943- fest:

„Gott ist nicht eine unmittelbar geschichtliche Macht in dem Sinne, dass er dauernd als ursächliche Kraft in den Ablauf der Geschehnisse eingriffe. Oft steht der Mensch vor geschichtlichen Tatsachen oder in geschichtlichen Situationen und fragt schüchtern oder trotzig oder verzweifelt seinen Gott nach dem Sinn des Ganzen. Besser aber fragte er die Menschen, um deren Entscheidungsergebnis es sich handelt und sich persönlich, warum er solches geschehen ließ und sich nicht wehrte gegen ein Mächtig-Werden der anderen Kraft, deren Wirkung nun wie eine Lawine über ihn hereinstürzt. Die schweigende und gute Gegenkraft wird so in die Einseitigkeit des übermächtigen und monologischen Gegenspielers mit hineingerissen.“

Liebe Freunde! Die eigene Geschichte lehrt uns, dass wir aufstehen müssen, dass wir uns mit friedlichen Mitteln und großherziger Mitmenschlichkeit wehren müssen, gegen alle -wie Pater Alfred Delp sagt- „monologische Gegenspieler“, die im Größenwahn ihrer Ideologie die Freiheit unterdrücken, den Frieden der Völker zerstören und dabei die gottgeschenkte Würde des Menschen mit Füßen treten.

Deshalb ist unser Zusammensein ein wichtiges Zeichen und unsere Hilfsaktionen eine „gute Gegenkraft“, wie sie Delp in seiner Zeit als zu schwach erleben musste.

Als Papst Paul VI. 1965 vor der UNO sprach, rief er am Ende unvergessene Sätze ins Mikro, die auch heute, auch in dieser Stunde der Geschichte gelten: „Die Welt erwartet und ruft nach Frieden! Die Welt braucht Frieden! Die Welt fordert Frieden! Sie fordert wahren, festen, dauerhaften Frieden nach dem Leiden der Kriege die unser Jahrhundert erschüttert haben, nach dem schrecklichen Leid, das die Menschheit verwüstet hat.

Die gegenseitigen Feindseligkeiten müssen aufhören. Nie mehr Krieg, nie mehr! Es ist der Friede, der Friede, der das Geschick der Völker und der ganzen Menschheit leiten muss!“

Und der Papst zitierte den zwei Jahre zuvor ermordeten Präsidenten John F. Kennedy mit dem Satz: „Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen oder der Krieg wird dem Menschen ein Ende setzen.“

Stehen wir also auf! Stehen wir ein für den Frieden und stehen wir diese unruhige Zeit gemeinsam durch, damit wir einmal rückblickend sagen können:

Wir haben nicht einfach nur zugesehen, sondern versucht unseren Fanden einzuknüpfen in ein Band des Friedens, in eine Vernetzung von Menschlichkeit, um vor Gott und voreinander bestehen zu können!“