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You´ll never walk alone! - Kirche auf der Treppe

 

 

Iserlohn: Gegen kurz vor 11 füllt sich die Treppe am Fritz-Kühn-Platz in Iserlohn. Die Menschen, die an diesem Ort der Stadt einen großen Teil ihrer Zeit verbringen, lassen sich auf etwas ein, das es hier noch nie gab. Einen Gottesdienst. Draußen. Und das Wichtigste: Nur für sie. Die Menschen, die die Treppe ihr Wohnzimmer nennen. 

Federführend organisiert haben den Gottesdienst die Caritas-Mitarbeiter Uwe Browatzki und Waltraud Schierhold. Sie kümmert sich um die spirituellen Aktivitäten der Caritas. Er arbeitet seit etwas mehr als drei Jahren als Streetworker an der Treppe. Als ehemaliger Obdachloser ist er mittlerweile bei der Caritas angestellt und bewohnt heute ein Wohnzimmer mit vier Wänden. Doch den Kontakt zu „seinen Leuten“ hat er nie verloren. Im Gegenteil. Er pflegt ihn durch seine tägliche Arbeit auf der Straße. Mit diesem Gottesdienst kann er „mal was geben, was außerhalb der alltäglichen Hilfe ist“. Aus seinem Lampenfieber macht er keinen Hehl. Den Schlüssel habe er vor lauter Nervosität kaum ins Türschloss bekommen, als er kurz zuvor etwas aus dem Auto holen wollte. Obwohl er einer „von ihnen“ war und selbst fünf Jahre auf der Treppe verbracht hat, weiß er nicht, was ihn erwartet. Kommen zwei, kommen 20 Menschen? Letztendlich sind es knapp 40. Die Treppe ist von unten bis oben gut gefüllt. Die Stimmung ist zu Beginn etwas schwer zu greifen. Beide Seiten wissen noch nicht so recht, was auf sie zukommen wird.  

Einige Passanten gesellen sich spontan hinzu, stellen ihre Einkaufstaschen ab, beobachten die Szenerie und bleiben.  

Und dann kommt der Geistliche: Monsignore Ullrich Auffenberg. Auch er ist einer „von ihnen“. Er trägt heute Jeans und Hemd, kein feierliches Gewand. Er möchte, so sagt er selbst, keine Distanz aufbauen. Zu Beginn legt er eine Regenbogenstola an und erklärt, dass diese ein „Symbol für die Verbindung zwischen Himmel und Erde“ sei, genau wie diese Treppe eine solche Verbindung ist. Er fährt mit einem Gebet fort und langsam steigt die Aufmerksamkeit der Menschen. An ihren Gesichtern ist abzulesen, dass die Worte Auffenbergs ankommen. Dass sie sich Gedanken machen über das, was er an sie heranträgt. Nach der anfänglichen Unsicherheit gibt es bald keine zwei Seiten mehr. Die Treppe, die Gäste und die Akteure verschmelzen zu einer Einheit, die gemeinsam einen sehr emotionalen Gottesdienst feiert. Wohltuend ist, dass die Akteure den Altar bewusst ans untere Ende der Treppe platziert haben, und die Besucher den Blick somit von oben haben.  

Die Predigt und die Fürbitten spielen sich im Lebensumfeld der Menschen ab. Sie behandeln Geschichten, mit denen sich die Menschen auf der Treppe identifizieren können. Es geht um die Sehnsucht, dazuzugehören, anerkannt zu werden und eine Heimat zu finden. An diesem Tag gehören alle dazu. Für Auffenberg ist es wichtig, miteinander zu reden, zu singen und auch gemeinsam zu essen. Er trägt nicht nur Bibelstellen vor, nein, er erzählt sie, er durchlebt sie und macht sie auf diese Weise erlebbar. So wie die Geschichte von Esau und Jakob. Der ältere Bruder Jakob betrügt seine Familie und sieht, völlig am Ende, im Traum die Himmelsleiter, eine Treppe zwischen Himmel und Erde, auf der Engel auf- und absteigen. Am oberen Ende der Treppe steht Gott, der alle Menschen gleichermaßen liebt. Mit dem Satz „Wir sind alle Engel“, schließt Auffenberg die Predigt.   

Er hat seine Zuhörerinnen und Zuhörer durch diese Botschaft gefesselt. Auch bei der zentralen Hymne des Gottesdienstes „You´ll never walk alone“ spürt man, dass er die Menschen erreicht und betroffen gemacht hat. Am Ende ertönt Applaus. Die Menschen erheben sich bedächtig und teils gedankenversunken von den Stufen und beschäftigen sich mit dem, was sie gehört haben. Derweil werden Körbe mit Brot und Trauben umhergereicht.  

Und auf einmal sprechen sie – sie, die Menschen von der Treppe. Keoma ist 27 und lebt seit 13 Jahren auf der Treppe. „In eine Kirche bekommt mich niemand“, sagt er. Die dicken Mauern würden ihn einengen. Deshalb war es ihm wichtig, dass der Gottesdienst draußen stattfindet – auf seiner Treppe. „Es war richtig toll, so was sollte es häufiger geben“, sagt er. Nina, seine Freundin, nickt zustimmend.  

Etwas abseits gehen zwei szenebekannte junge Männer auf Waltraud Schierhold zu. Einer sagt: “Wir möchten uns bei Ihnen für diesen schönen Tag bedanken“. Beide reichen ihr höflich die Hand.  

Die Reaktionen machen Uwe Browatzki glücklich und auch ein wenig stolz. Der Satz von Günther (46): „Das war der ehrlichste Gottesdienst, den ich je erlebt habe.“ ist an diesem Tag für ihn die schönste Rückmeldung für all die Mühen und die Ungewissheit im Vorfeld der „Kirche auf der Treppe“. Und die Tatsache, dass keiner der knapp 40 Besucher vorher aufgestanden und gegangen ist. Es war ein Versuch. Und er ist gelungen.  

Auch Ullrich Auffenberg ist sichtlich erfreut. Er hat Erfahrung mit Gottesdiensten im Freien, außerhalb der kirchlichen Gemäuer. Von manchen wird er auch der „Draußen-Pastor“ genannt. Auf die Menschen zuzugehen und sie an den Orten zu treffen, wo sie sich wohl fühlen; das sei ihm wichtig. Und sie dort mit Worten und Gesten zu erreichen, die sie verstehen.Auffenberg spürt in den Augen der Menschen auf der Treppe ein Stück Sehnsucht. Sehnsucht nach Anerkennung und Lebenssinn, Sehnsucht nach einer Vision für die Zukunft, auch wenn die vielleicht anders aussieht als in großen Teilen der Gesellschaft. Letztlich hätten alle etwas gemeinsam: Keiner ist allein. Jeder hat eine Kraft in sich, die auch in schlechten Momenten hilft, einen Weg für die Zukunft zu finden. Auffenberg, Browatzki und Schierhold wünschen den Menschen auf der Treppe, dass sie die Botschaft spüren und erkennen, die sie eben noch gemeinsam laut gesungen haben: „You´ll never walk alone“. 

 

Tim Schmutzler/Klaus Ebbing